Kaiserliche Matrosenstation Kongsnæs: REUNION Marine wird erneut anlanden

40. REUION Marine in Potsdam: Der erste Jubiläums-Programmpunkt für die Mitglieder der REUNION Marine zu ihrer 40. REUNION am Morgen des 4. September 2017, 9.30 Uhr, war ein Besuch der Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs in Potsdam. Eine Sensation – in Anbetracht des historischen Augenblickes am Jungfernsee und seinem einmaligen Ensemble norwegischer Holzbaukunst in Deutschland. 

Mitglieder der REUNION Marine am 04. Sep. 2017 auf der Baustelle, vor der Ventehalle der Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs, in Potsdam.

Denn die Mitglieder der REUNION Marine erhielten vom heutigen Eigner, Michael Linckersdorff, als erste offizielle Gruppe die Gelegenheit, die zur Zeit im Wiederaufbau befindliche Ventehalle (Wartehalle) der Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs am Potsdamer Jungfernsee zu besichtigen und das bei Kaiserwetter. Die Matrosenstation ist die ehemalige Anlegestation der Wasserfahrzeuge des Preußischen Königshauses – ein einmaliges Ensemble norwegischer Holzbaukunst in Deutschland.

Vor mehr als einem Jahrhundert nahm der Segelsport unter Kaiser Wilhelm II. in Preußisch Arkadien Aufschwung. 1892 gab der Reisekaiser in Verbundenheit zur norwegischen Kultur (seine Yacht HOHENZOLLERN steuerte 25 Mal das Nordland an) den Auftrag für die Matrosenstation. 1893 kam ein Bootshaus für das Dampfschiff ALEXANDRIA hinzu. Es sollen weitere Dampfschiffe, sogar eine türkische Segelyacht, zwei Aluminiumboote und auch ein Torpedoboot dort angelegt haben, erzählte Projektmanager Wolfram Seyfert den Mitgliedern der REUNION Marine vor Ort.

Nach 1918 sei es still um die Matrosenstation geworden. Selbst der Kieler Yacht Club soll am Jungfernsee eine Rolle gespielt haben. 1923 habe der Club das Gelände übernommen, das sich weiterhin in Besitz der Hohenzollern befunden haben soll. Mit dem Berliner Mauerbau wurde es dann noch stiller um das Areal. Es war, in der so genannten „toten Zone“, im Grenzsteifen zwischen Ost und West, gelegen, folglich für die Öffentlichkeit nicht präsent und damit so gut wie vergessen. Jahrzehntelang legte am Hafen der ehemaligen Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs kein Schiff an. 28 Jahre verlief die Mauer über das historisch einmalige „Filet am See“ nahe der Glienicker Brücke, wo man im Kalten Krieg bekanntlich Agenten ausgetauscht hatte.

Eine Innenansicht der historischen Ventehalle, um 1910. Quelle Wiki; Foto: Autor unbekannt.

2009 erwarb der Berliner Unternehmer Michael Linckersdorff die Matrosenstation von der Stadt Potsdam. Acht Jahre dauerte das Tauziehen um Kongsnæs (norwegisch: des Königs Landzunge).  Linckersdorff verpflichtete sich, die historische Empfangshalle, die so genannte Ventehalle (100 m² Grundfläche), 1892 als erster Bau des Ensembles errichtet, originalgetreu wiederaufzubauen, die drei noch erhaltenen Blockhausgebäude denkmal-gerecht zu sanieren, die Hafenanlage wiederherzustellen und die öffentlichen Zugänglichkeit des Geländes zu gewährleisten. Das heißt, dass das Gelände nicht eingezäunt werden darf. Nun steht das Projekt, nach vielen juristischen Klippen, kurz vor seiner Vollendung. Das freute alle Mitglieder der REUNION Marine sehr, insbesondere als sie hörten, dass der ursprüngliche Vertrag der Baufirma mit den Hohenzollern für die Matrosenstation auf einer Seite zusammengefast war und Unternehmer Linckersdorff heute – in Sachen Wiederaufbau – auf mehrere Meter Gerichts-Akten schauen muss.

Schöner Augenblick: Die REUNION Marine, vertreten durch Dipl. Ing. Volker Stein sowie Dr. Hans-Dieter Ehrenberg, schenkt Michael Linckersdorff im Vorfeld der Wiedereröffnung der Kaiserlichen Matrosenstation zwei historische Fotografien.

Die Grundsteinlegung zum Wiederaufbau der Matrosenstation war am 15. Mai 2010, das Richtfest für die Ventehalle am  24. März 2017. Zu diesem erschien auch der Gesandte der Königlich Norwegischen Botschaft, Herr Asbjørn Brandsrud, am Jungfernsee. Der Wiederaufbau der Matrosenstation schlägt Wellen bis nach Norwegen, denn dort sind engagierte Freunde der norwegischen Baukunst  an der Realisierung des „Zwillingsprojekts“ interessiert. Das hieße, dass das historisch architektonische Vorbild für Kongsnæs, das Hasselbakken-Restaurant auf dem St. Hans Haugen in Oslo, ebenso wiederaufgebaut würde. Denn beide Zeugnisse des norwegischen Architekten, Holm Hansen Munthe, führender Vertreter des Drachenstils (Variante des norwegischen Jugendstils) brannten aus, 1936 in Oslo und 1945 in Potsdam.

Von der historischen, heute denkmalgeschützten Anlage in Potsdam, blieben lediglich die Fundamente, die Ufermauer mit zwei in das Wasser ragenden Bastionen, die Kaiserliche Ehrentreppe (noch immer mit Messingösen für den wohl damaligen Roten Teppich) sowie die landeinwärts stehenden drei Holzblock-Häuser: das Kapitänshaus, wo, der Leiter der Matrosenstation wohnte, die Matrosenkaserne und das Bootshaus. Der erste und langjährige Stationsvorsteher, Kapitän Carl Velten, (das war er von 1876 bis 1920) soll Kaiser Wilhelm II. dort das Schwimmen beigebracht haben, hieße es. Der Monarch soll Velten, chargiert als Kapitän zu See, 1906 den Ehrentitel „Kaiserlicher Yachtkapitän“ verliehen haben.

Wie beim Original-Vorgängerbau auch, wurden für den Wiederaufbau der Matrosenstation die Balken und Formteile für die Fassade und den Innenausbau vorproduziert und dann zum Jungfernsee verbracht. Für die 8,30 m langen Balken (zu sehen im Foto ganz oben) musste man eigens eine Drechselmaschine aus zwei Eisenbahnschienen und einem alten Traktormotor neu bauen, da man keine Maschine in Europa fand, mit der man einen so langen Balken drechseln konnte, erzählte Projektmanager Wolfram Seyfert.

Im Detail: die norwegische Variante des Jugendstils, der Drachenstil. Auch zu sehen, die zweifarbigen Lärchenholz-Dachschindeln auf der Ventehalle.

Umfangreiche Recherchen und Originalpläne des Architekten Munthe gaben ebenso für die neu gefertigten Holz-Dachschindeln der Firma AWK Design, ein Tochterunternehmen einer polnischen Firma mit Sitz in Danzig, wertvolle Hinweise für die heutigen Bauausführungen. So wurden 55.800  Lärchenholzschindeln handgespalten und zweifarbig auf dem Dach der Ventehalle verlegt. Ein handwerklich beeindruckendes Kunstwerk.

Im Vorfeld der feierlichen Wiedereröffnung überreichte die REUNION Marine Michael Linckersdorff am 04. September 2017 zwei gerahmte historische Fotografien, beide unterschrieben vom 1. Vorsitzenden der REUNION Marine, Volker Stein, und dem Kommandeur der Marineschule Mürwik, Flottillenadmiral Kay-Achim Schönbach. Die eine Fotografie zeigt die kaiserliche Yacht HOHENZOLLERN in Norwegen sowie die berühmte norwegische Drachenstil-Architektur, die andere Kaiser Wilhelm II. und den König von Norwegen, Haakon VII., an Bord der Kaiserlichen Yacht.

Im November 2017 soll die Ventehalle fertig sein. Danach wird man mit den Außenanlagen beginnen. Die drei Holzblockhäuser werden, mit jeweils drei Wohnungen, im Sommer 2018 bezugsfertig zu mieten sein. Noch in diesem Jahr möchte man ein Restaurant in der Ventehalle eröffnen. Geplant sind 60 Innensitzplätze, weitere 30 Plätze auf der umlaufenden verglasten Veranda sowie jeweils 15 auf den beiden Bastionen. Ursprünglich wollte der Bauherr im ehemaligen Bootshaus eine museale Begegnungsstätte des deutschen Segelsports integrieren. Dies wurde ihm jedoch versagt, so Projekmanager Seyfert.  Michael Linckersdorff hatte noch einmal am Ende der gemeinsamen Begegnung/ Begehung die Lacher auf seiner Seite, als er sich bei den Mitgliedern der REUNION Marine dafür bedankte,  dass sich die Besichtigung einer Baustelle zugemutet haben. Die Antwort folgte auf dem Fuße. Volker Stein kündigte an, dass die REUNION Marine mit Sicherheit zu einer ihrer kommenden Mitgliederversammlungen in die Ventehalle an den Jungfernsee zurückkehren wird.

Der Potsdamer Stadtkonservator Andreas Kalesse soll zum Richtfest, am 24.03.2017,  gesagt haben, dass der Wiederaufbau ein Meilenstein in der Rückgewinnung der ursprünglichen Bedeutung der Wasserlandschaft im UNESCO-Weltkultur-Erbegebiet Berlin-Potsdam sei. Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Nach dem Wunsch des Eigentümers sollen im Hafen der Matrosenstation vorwiegend historische Boote und Schiffe anlegen.  Man habe der Stadt Potsdam selbstverständlich versprochen, dass darunter kein Torpedoboot festmachen würde.

Berlin/ Potsdam: Blick von der Glienicker Brücke auf den Jungfernsee mit der wiederaufgebauten Kaiserlichen Matrosenstation am Morgen des 04. Sep. 2017.

Text/ Fotos: May-Barg